INTERVIEW

Appell an die Finanzwirtschaft

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat im Sommer 2021 den EKD- Text 138 „Auf dem Weg zu einem gerechten und nachhaltigen Finanzsystem“ veröffentlicht. Perspektiven spricht mit dem im November 2021 ausgeschiedenen Vorsitzenden des Rats der EKD und Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Prof. Dr. Bedford-Strohm, über die Motivation der EKD, die Forderungen an die Akteure in der Finanzwirtschaft und die Rolle der kirchlichen Bankgenossenschaften.

Interaktiv: Ausgabe 3 | 2021

9. Dezember 2021

Herr Professor Bedford-Strohm, als Bank für Kirche und Diakonie sind wir erfreut, dass sich die EKD direkt an die Akteure des Finanzsystems wendet, und gleichzeitig macht es uns nachdenklich, dass die EKD einen so direkt adressierten Aufruf für nötig hält. Was ist die Motivation der EKD und warum haben Sie das Papier zum jetzigen Zeitpunkt – über 10 Jahre nach der Finanzkrise und wenige Monate vor der Bundestagswahl – veröffentlicht?

Prof. Heinrich Bedford-Strohm: Für das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung, für das sich die Evangelische Kirche in Deutschland seit vielen Jahren einsetzt, sind die Entwicklungen im Finanzsystem von zentraler Bedeutung. Die Finanzkrise von 2008 hat offenbart, wie gefährlich die Dynamiken eines unregulierten internationalen Finanzmarkts sind. Auf diese Situation hat die EKD 2009 mit dem viel beachteten EKD-Text „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“ reagiert und gefordert, dass die Wege aus der Finanzkrise in einer langfristigen Perspektive die ökologischen Herausforderungen und die Bekämpfung der Armut einbeziehen und eine „um Nachhaltigkeitsfaktoren erweiterte soziale Marktwirtschaft“ fortan das Leitbild sein müsse.

An diese Forderung knüpft der vorliegende Textentwurf zur sozial-ökologischen Transformation der Finanzwirtschaft an. Er tritt für eine Stärkung des Verantwortungszusammenhangs von Politik, Finanzwirtschaft, dem Gemeinwohl, dem Rechtsstaat und der ökologischen Tragfähigkeit der Erde ein. Defizite in diesem Verantwortungszusammenhang zeigen sich in den wachsenden nationalen wie globalen ökonomischen Ungleichheiten, aber auch in aktuellen Skandalen wie Cum Ex und Wirecard. Gleichzeitig gibt es ein wachsendes Bewusstsein und Engagement für mehr Nachhaltigkeit in der Finanzpolitik, aber auch im Bankenbereich für ethische Geldanlagen, in denen sich besonders die evangelischen Kirchen als Vorreiter erwiesen haben.

Das Finanzsystem ist zurzeit einem Wandel unterworfen, der kaum überschätzt werden kann. Treiber sind die Agenda 2030 und das Pariser Klimaabkommen von 2015. Diese beiden UN-Abkommen sind die Grundlage des Green Deal der EU von 2019, einer Wachstumsstrategie der EU, mit der sie sich auf den Weg hin zu einer klimaneutralen, fairen und wohlhabenden Gesellschaft gemacht hat. Den Umbau zu einer nachhaltigen Wirtschaft will die EU auch mithilfe von Investoren finanzieren, weshalb viele der schon beschlossenen oder noch anstehenden Maßnahmen institutionelle und private Geldanleger betreffen – dazu gehören auch die kirchlichen Investoren. Außerdem werden die Akteure auf den Finanzmärkten verpflichtet, nachhaltige Aspekte in ihre Risikomanagementsys-teme aufzunehmen. Insgesamt geht es um die große Herausforderung unserer Zeit, die Finanzströme umzulenken. Das Ziel ist dabei eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der UN-Nachhaltigkeitsziele.

Herr Professor Bedford-Strohm, der Text enthält Reformschritte zur sozial-ökologischen Transformation der Finanzwirtschaft. Geht es der EKD um Veränderungen im System oder um eine generelle Veränderung des Systems?

Prof. Heinrich Bedford-Strohm: Es gehört zu den Kennzeichen der Gegenwart, dass dieses Entweder-oder im Hinblick auf die Systemfrage inzwischen überholt ist. Sie sprechen das Stichwort selbst an, um das es heute geht: Transformation. Also eine Wandlung, die nicht nur oberflächlich bleibt, sondern die Technologiesprünge, neue Wohlfahrtskonzepte und internationale Kooperation auf einem neuen Level erfordert.
 

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Auf Ebene der G20 wird aktuell über eine globale Mindeststeuer von 15 % für die großen, global agierenden Unternehmen gesprochen. Die Bank für Kirche und Diakonie zahlt wie viele andere Unternehmen hier in Deutschland einen Steuersatz von fast 30 %. Was müssen wir aus Sicht der EKD tun, um das Steuersystem gerechter zu gestalten?

Prof. Heinrich Bedford-Strohm: Im Blick auf die Verantwortungsrelation zwischen Finanzsystem und Rechtssystem muss auf die Defizite in der Bekämpfung von Steuerhinterziehung, Finanzkriminalität und Geldwäsche hingewiesen werden. Die Empfehlungen des Berichts des vom Europäischen Parlament eingesetzten Sonderausschusses zur Bekämpfung von Steuerkriminalität, Steuerhinterziehung und Steuervermeidung (TAXS 3) vom März 2019 müssen dringend mit mehr Verbindlichkeit und Rechtsdurchsetzungskraft umgesetzt werden. Dazu gehören eine gründliche Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den nationalen Behörden im Steuer- und Finanzbereich, neue Rechtsvorschriften und neue Einrichtungen auf EU- und globaler Ebene, wie beispielsweise eine EU-Finanzpolizei und eine EU-Aufsichtsinstanz zur Bekämpfung von Geldwäsche und zur Stärkung von Transparenz- und Berichtspflichten.

Der Text enthält zehn konkrete Vorschläge, wie Verantwortung übernommen und das Finanzsystem gerechter werden kann. Welche Schritte halten Sie in den kommenden Jahren für die entscheidenden?

Prof. Heinrich Bedford-Strohm:
Für mich sind die Verantwortung von Eigentum für das Gemeinwohl, die demokratische Kontrolle der Finanzinstitutionen und auch die Finanzierung der „großen Transformation“ für eine nachhaltigen Entwicklung weltweit zentral.

Die „Große Transformation“, also der grundlegende Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft im Rahmen der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Agenda 2030 mit ihren globalen Zielen für nachhaltige Entwicklung, ist eine fundamentale globale Herausforderung, der sich alle Staaten, Organisationen und Individuen ebenso wie die Finanzwirtschaft insgesamt stellen müssen und die verstärkt in die regulatorischen Vorgaben auf EU- und zunehmend auch auf nationaler Ebene eingebaut wurden und werden.

Herr Professor Bedford-Strohm, die evangelische Kirche ist nicht nur Mahner und Mittler, sie ist auch Akteurin an den Finanzmärkten; ihr gehören zwei Banken, die evangelischen Pensions- und Zusatzversorgungskassen investieren Milliarden an den Kapitalmärkten. Was können die Menschen, die im Auftrag von Kirche und Diakonie handeln, mitnehmen?

Prof. Heinrich Bedford-Strohm:
Natürlich haben die evangelische Kirche und ihre Diakonie auch im Bereich institutioneller Investitionen eine Vorbildfunktion. Das kommt auch im über zehnjährigen Wirken des Arbeitskreises Kirchlicher Investoren (AKI) zum Ausdruck. Viele Anleger – private oder institutionelle Investoren – wollen wissen, wie sich die evangelischen Investoren das Thema Nachhaltigkeit erschlossen haben, und wollen sich daran orientieren. Es gibt sogar nicht-kirchliche Anleger – einzelne Universitäten oder Städte beispielsweise –, die sagen: Wir setzen den Leitfaden des AKI um. Der AKI ist hier zum Vorbild für andere geworden. Zum einen, weil Sie damit den fachlichen Anforderungen von Investitionsprozessen gerecht werden. Mit anderen Worten: Der AKI formuliert so, dass es Investoren und deren Dienstleister verstehen. Zum anderen können Sie aber solche durchaus komplizierten Sachverhalte in einen großen Zusammenhang stellen und dadurch einen allgemein verständlichen Zugang ermöglichen.
 
Ein Grund für den Erfolg des AKI ist sicherlich auch seine Verankerung in der evangelischen Ethik. Eine evangelische Wirtschaftsethik an den Finanzmärkten ist nur als eine zweisprachige Ethik denkbar: in der biblischen Sprache und biblischen Welt zu Hause; ich ergänze: theologiegeschichtlich bewandert und fachkundig in der aktuellen Theorie und Praxis der Finanzwirtschaft.

Diese Zweisprachigkeit gehört zu den Grundcharakteristika Öffentlicher Theologie. Der Anwendungsfall einer Wirtschaftsethik an den Finanzmärkten ist ein Paradebeispiel für die Notwendigkeit und die Leistungsfähigkeit einer solchen Theologie: Es geht um die Reflexion christlicher Orientierungen in öffentlichen Kontexten, hier an Finanzmärkten, und nicht nur im politischen Bereich.

Das ethisch-nachhaltige Investieren ist eine der Kernkompetenzen der Bank für Kirche und Diakonie. Welchen Beitrag können wir nach Ihrer Einschätzung leisten? Was ist Ihre Erwartung an unsere Bank?

Prof. Heinrich Bedford-Strohm: Dass sie bereit ist, auch im eingangs geschilderten veränderten Umfeld, in dem sich das Finanzsystem heute befindet – Stichwort Transformation –, die Vorreiterrolle im Hinblick auf ethisch-nachhaltiges Investment beizubehalten und nach Möglichkeit auszubauen. Heutzutage führen fast alle Finanzmarktakteure das Stichwort Nachhaltigkeit im Mund, Sustainable Finance ist im Mainstream angekommen. Umso mehr kommt es auf Glaubwürdigkeit und Transparenz an.

Sehr geehrter Herr Professor Bedford-Strohm, vielen Dank für das Gespräch.

Auf dem Weg zu einem nachhaltigen und gerechten Finanzsystem

Finanzkrisen und die wachsende ökonomische Ungleichheit weisen sowohl national als auch weltweit unmissverständlich auf Verantwortungsdefizite in der Finanzwirtschaft und ihrer Kontrolle hin. Die aktuellen Herausforderungen der globalisierten Welt können jedoch ohne eine auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit ausgerichtete Wirtschaft nicht bewältigt werden. Mit diesem Impulspapier möchte die EKD „finanzwirtschaftliche Alphabetisierungsarbeit“ leisten und als „Mahner, Mittler und Motor einer nachhaltigen Entwicklung“ zu einer entsprechenden Transformation des Finanzsystems beitragen. Mehr unter: www.ekd.de

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