Ökologische Nachhaltigkeit in der Diakonie

CO2 vermeiden – verringern oder kompensieren

Ob Fotovoltaikanlagen, E-Mobilität, verbesserte Dämmung oder Sonnenschutz, viele Kunden in Kirche und Diakonie haben sich schon auf den Weg gemacht, um Ressourcen effizienter einzusetzen und ihre ökologisch-nachhaltige Bilanz zu verbessern.
Wie sehen die Strategien dahinter aus?

Wir als Bank für Kirche und Diakonie möchten unsere Kunden auf den anstehenden Transformationsprozess vorbereiten, denn so lässt sich der Zugang zu günstigen Finanzierungen und öffentlichen Fördermitteln auch zukünftig sichern.

Im Dezember 2021 haben wir dazu aufgerufen, praktische Erfahrungen mit einer Nachhaltigkeitsstrategie und der nicht-finanziellen Berichterstattung mit uns zu teilen.

Den Anfang macht die Diakonie Ruhr.

Investition und Finanzierung: Ausgabe 1 | 2022

21. April 2022

Geschäftsführer Jens Koch und der nachhaltigkeitsverantwortliche Pfarrer Sven Pernak lassen Bankvorstand Jörg Moltrecht und die Redaktionsverantwortliche Susanne Hammans an ihren Erfahrungen mit der ökologischen Transformation in der Diakonie Ruhr teilhaben.


Jörg Moltrecht: Nachhaltigkeit hat sich inzwischen zu einem medialen Mainstreamthema entwickelt. Was bedeutet Nachhaltigkeit für Sie als diakonisches Unternehmen?


Jens Koch: Für uns ist Diakonie Lebens- und Wesensäußerung der evangelischen Kirche. Auf dem Fundament und in der Tradition des christlichen Glaubens tragen wir eine besondere Verantwortung für einen effizienten und umweltgerechten Umgang mit den Ressourcen, die wir für den Einsatz unserer Angebote benötigen. Eine nachhaltige Unternehmensführung ist für die Diakonie Ruhr-Gruppe folglich eine wichtige Voraussetzung für das langfristig erfolgreiche Bestehen und die Durchführung der diakonischen Arbeit. Vor diesem Hintergrund sind die Aspekte des Nachhaltigkeits- und Umweltmanagements wesentliche Bestandteile der diakonischen Strategie und unserer Leitsätze. Passend dazu lauten zwei unserer Leitsätze „Gemeinsam schaffen und erhalten wir Lebensräume, in denen Menschen sich wohl fühlen können“ und „Wir handeln wirtschaftlich nachhaltig und ökologisch verantwortlich, um zukunftsfähig zu bleiben“.

Zum kompletten Gespräch

Jörg Moltrecht: Wie haben Sie als Diakonie Ruhr die strategische Nachhaltigkeit operationalisiert? Sind aus Ihrer Sicht zusätzliche Kapazitäten aufzubauen, um eine Nachhaltigkeitsstrategie zu erstellen?

Jens Koch: Zunächst einmal ist Nachhaltigkeit als schonender Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden Ressourcen bei allen Entscheidungen in der Diakonie Ruhr-Gruppe gleichberechtigtes Kriterium und Prüfstein. Pfarrer Pernak ist auf Vorstandsebene für das Thema verantwortlich. Er vertritt das Thema in der Leitungskonferenz der Diakonie Ruhr, sozusagen an „höchster Stelle“. Genauso wichtig war uns eine institutionalisierte organisatorische Verankerung, das heißt, bei jeder großen Entscheidung im Konzern Diakonie Ruhr ist im Projektmanagement Nachhaltigkeit ein gleichberechtigter Aspekt, der standardisiert zu prüfen ist.

Sven Pernak: Ich möchte an dieser Stelle gern die Inhalte skizzieren: Es gilt der Grundsatz „Vermeidung vor Verringerung vor Kompensation“. Als Orientierungsrahmen gilt der Deutsche Nachhaltigkeitskodex, insbesondere die Kriterien 11–13. Vorrangige Priorität hat hierbei die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Im Wesentlichen wird der Fokus auf vier Kernfelder gelegt, in denen zunächst zügig und mit einfachen Mitteln Änderungen bewirkt werden können. Bei den vier Kernfeldern handelt es sich um nachhaltiges Bauen bzw. die Berücksichtigung von Nachhaltigkeit bei Bauprojekten, Energiebelieferungen unserer Standorte, nachhaltige Beschaffung sowie um die Mobilität.

Susanne Hammans: So weit die Theorie. Wie sieht es in Ihrer täglichen Arbeit aus? Werden Sie mit Fragestellungen zur Nachhaltigkeit konfrontiert?

Sven Pernak:
Es gibt tatsächlich sehr praktische Auswirkungen, die Nachhaltigkeit zum Wirtschafts- und Zukunftsthema machen. Wir spüren in unserer Leistungserbringung ganz konkrete Veränderungen. Lassen Sie mich nur zwei Beispiele nennen, in denen die Auswirkungen des Klimawandels eine Rolle spielen: Die Temperaturen in unseren Pflegeheimen im Sommer steigen an, es fehlt an Beschattung oder Klimatisierung. Zum anderen sehe ich die Menschen ohne feste Bleibe, die auf der Straße leben: Hilfen gegen Kälte im Winter sind bekannt und etabliert. Inzwischen entwickeln wir auch Hitzekonzepte für den Sommer, zum Beispiel die Versorgung mit Trinkwasser. Hier spüren die sozial Schwächeren die Auswirkungen zuerst.

Jörg Moltrecht: Die Beispiele verdeutlichen die Drastik des Themas, nicht zuletzt auch unter ökonomischen Aspekten. Inwieweit gibt Ihnen die bestehende Refinanzierungsstruktur die finanziellen Möglichkeiten für Investitionen in Nachhaltigkeit?

Jens Koch: Hier liegt derzeit die Krux. Wir wissen, wie man Energie spart, wir haben die passgenauen technischen Möglichkeiten. Die Refinanzierungsmöglichkeiten sind jedoch vergleichsweise rückständig. Paradoxerweise sind hohe Energieverbräuche durch die Refinanzierung der Betriebskosten gesichert, Kosten für höhere Investitionen in bessere energetische Standards sind es derzeit jedoch nicht immer. In den Fällen fehlt es am Return on Investment, das ist unattraktiv und nicht wirtschaftlich.

Susanne Hammans: Dennoch haben Sie die Berücksichtigung nachhaltiger Aspekte strategisch verankert. Wie können Sie diesem Versprechen gerecht werden? Hilft Ihnen an dieser Stelle die öffentliche Förderkulisse bei Ihren Refinanzierungsüberlegungen?

Jens Koch: Nach meiner Einschätzung ist es zunächst einmal die Grundsatzentscheidung pro Nachhaltigkeit, oder konkreter pro hohe Energieeffizienzstandards, die zu treffen ist. Dann braucht es viel Innovation im Bereich der Investitionen, das ist die derzeitige Herausforderung. Bei vielen Förderkrediten und Zuschüssen zeichnet sich schon seit einiger Zeit ab, dass diese von der Erfüllung meist ökologischer Standards wie beispielsweise CO2-Reduzierungen abhängen. Dies erleichtert eine Finanzierung in jedem Fall.
 
Jörg Moltrecht: Die Banken sind von politischer Seite als ein Motor für transformatorische Prozesse identifiziert worden. Das Stichwort ist hier der Aktionsplan für eine „nachhaltige Finanzwirtschaft“ der Europäischen Union. Ziel ist es, Kapitalströme in nachhaltige Investments umzuleiten.  Für Kreditnehmer bedeutet dies in Zukunft praktisch, dass Banken Auskünfte zur ökologisch-nachhaltigen Performance bei Kreditentscheidungen berücksichtigen müssen. Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit Banken in dieser Hinsicht?

Jens Koch: Ich gehe davon aus, dass in weiten Teilen der Bankenlandschaft erst einmal entsprechendes Know-how aufgebaut werden muss. Defizite sind schon jetzt spürbar, wenn es beispielsweise um die Fördermittelberatung geht. Andere Banken, die wie die KD-Bank tief im Thema sind, sollten mit ihren Kunden ins Gespräch gehen. Wünschenswert wäre es, gemeinsam relevante Aspekte und Kennzahlen zu erarbeiten, damit für beide Partner ein Nutzen entsteht. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass die Banken ihre Bewertungsstandards anpassen. Beispiel Immobilienbewertung: Ein Wohngebäude mit sehr hohen Energiestandards verursacht höhere Bau- und Investitionskosten. Auf der anderen Seite kann ich eine höhere Kaltmiete einkalkulieren, da die Nebenkosten aufgrund der geringeren Energieverbräuche sinken. Effekte wie diese müssen Banken bewerten können.

Susanne Hammans: Was halten Sie in diesem Zusammenhang von den derzeit hoch gehandelten Ausstiegsszenarien? Haben Sie sich schon ein Jahresziel für eine klimaneutrale Diakonie Ruhr gesetzt?

Sven Pernak: Das halten wir für uns als Einrichtung vor Ort für nicht zielführend und sehen es auch nicht als unsere Aufgabe an. Das Problem an der Stelle könnte sein, dass Prioritäten verschoben werden. Damit meine ich, dass unsere Hauptaufgabe, der Dienst am Menschen, nicht mehr mit der obersten Priorität behandelt werden könnte. Die ökologische Nachhaltigkeit darf sich aber nicht gegen das Soziale stellen. Auch fehlt uns bislang die entsprechende Datenbasis. Es stellt uns vor große Herausforderungen, zunächst einmal die richtigen Kennzahlen zu identifizieren und zu erheben. Beim CO2-Footprint ist dieses noch relativ einfach umsetzbar. Denke ich jedoch an weitere Ressourcen, wie beispielsweise den Lebensmittelverbrauch oder vielleicht den Methanausstoß durch den Verzehr von Milchprodukten oder den entstehenden Abfall, so sind uns hier noch keine passenden Kennzahlensysteme bekannt.

Jens Koch: Gleichwohl haben wir in Sachen Lebensmittelverbrauch schon Anstrengungen unternommen. Wir kochen in allen Pflegeheimen vor Ort und dezentral. Dabei kommen vorgegebene digitale Rezepturen zum Einsatz. Über unseren zentralen Einkauf kann die Küchenleitung die zugehörigen Lebensmittel wöchentlich in den passenden Mengen online ordern. Ergebnis ist, dass wir kaum Ausschussmengen verursachen. Dies trägt deutlich zur Schonung von Ressourcen bei, wenn man bedenkt, dass wir über  1 000 Menschen in unseren Einrichtungen versorgen. Gleichzeitig hat dies natürlich auch eine wirtschaftliche Komponente. Dieses kleine Beispiel zeigt, dass die ökologische Nachhaltigkeit und die ökonomische Seite Hand in Hand gehen und keinen Widerspruch erzeugen müssen.

Jörg Moltrecht: Das klingt gut. Wie kommt es bei Ihren Klienten und Klientinnen an? Sehen Sie den Faktor Nachhaltigkeit in der Sozialwirtschaft als wettbewerbsrelevant an?

Sven Pernak: Ich gehe davon aus, dass diese Aspekte bei der Wahl einer passenden Einrichtung zunehmend an Bedeutung gewinnen. Während wir bislang eher über einzelne Projekte berichten, bereiten wir jetzt eine ganzheitliche Berichterstattung vor. Sicherlich werden sich die Themen zukünftig auch in unseren Akquisematerialien, z. B. in der Vorstellung der Häuser oder in den Begrüßungsmappen wiederfinden.

Susanne Hammans:
Was würden Sie anderen Einrichtungen, die sich weiterentwickeln wollen, empfehlen? Wie kann man eine solche Entwicklung organisatorisch verankern?

Sven Pernak: Die Erkenntnis, dass es sich um ein Querschnittsthema handelt, bildet nach meiner Einschätzung eine gute Basis. Es ist eben nicht mit dem Einsatz einer oder eines Nachhaltigkeitsbeauftragten getan. Alle Bereiche müssen ihren Beitrag leisten und Aspekte der Ökologie im jeweiligen Aufgabenfeld identifizieren, erfassen und entwickeln. Und dazu müssen sie aus der Unternehmensführung aufgerufen und ermächtigt werden. Darüber hinaus ist es sehr hilfreich, sich auch extern auf verschiedenen Ebenen zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen. Dies kann mit anderen Einrichtungen aus der Branche sein, aber auch vor Ort mit regionalen Partnern wie den Energieversorgern.

Jörg Moltrecht: Wir nehmen mit, dass bei Ihnen in der Diakonie Ruhr das Thema Nachhaltigkeit sehr stark verankert ist. Was wäre aus Ihrer Sicht der richtige Weg, dies in die diakonische Unternehmenslandschaft hineinzutragen mit dem Ziel, diejenigen, die noch zurückhaltend sind, mitzunehmen?

Jens Koch: Nach meiner Einschätzung ist die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit derzeit noch sehr von den verantwortlichen Köpfen abhängig. Zudem spielt auch die Leistungsfähigkeit eine große Rolle, beispielsweise in finanzieller oder auch personeller Hinsicht, die den Raum schafft, um das Thema aufzugreifen. Letztendlich muss der Antrieb aus den zentralen Strukturen kommen, hiermit meine ich neben dem Spitzenverband auch weitere wie den Verband diakonischer Dienstgeber in Deutschland oder die Landeskirchen. Denn was wir vor Ort nicht leisten können, ist, die Politik auf Bundesebene zu bespielen. An dieser Stelle sehe ich die Spitzenverbände in ihrem politischen Wirken in der Pflicht, die Thematik weiter voranzutreiben. Wenn aus der Politik die Forderung kommt, Klimaneutralität mit einer verbindlichen Jahreszahl zu versehen, dann muss dies auch in die Gesetzgebung und somit in die Refinanzierungsbedingungen einfließen. Und hier schließt sich dann auch der Kreis, wie wir den Weg für mehr Nachhaltigkeit in Diakonie und Sozialwirtschaft sehen.

Wir suchen gute Beispiele

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Susanne.Hammans@KD-Bank.de
Telefon: 0231 58444 - 241
 

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